Date Yourself – Zu deinem eigenen Beat

Redaktion Laura Tenchio
Redaktion Laura Tenchio

Warum mehr FLINTA*-Personen mehr Beats produzieren sollten! Die Musikindustrie ist auch 2023 noch eine Männerdomäne. Höchste Zeit, dass sich das ändert.  

Der Discman gehört mir nicht. Ich habe ihn meinem Bruder gestohlen, aber er benutzt ihn ja sowieso nie. Und sowieso; die Hälfte der CD-Sammlung gehört mir und ich bin diejenige, die sie pflegt und neu ordnet. Mit dem alten Computer aus Papas Büro habe ich neuerdings angefangen, CDs zu brennen und kuratierte Playlists für meine Freund:innen zu erstellen. Dieses Mal ist es ein wilder Hip Hop- und Reggae-Mix, der von Wu-Tang Clan über Daddy Mory bis hin zu den Schweizer Mundartrappern Chlyklass reicht. Dabei versuche ich, die Struktur der Beats zu erkennen und die Melodien, Akkorde, Baselines oder Drums einzeln herauszuhören. Was gerappt wird, ist Nebensache. Es ist der Beat, der mich fasziniert und ich versinke in einer Tagträumerei, in der ich selbst solche Beats in einem Studio produziere.

Seither sind inzwischen 18 Jahre vergangen. Der geliebte Discman ist längst nicht mehr funktionsfähig und die CD-Sammlung hat sich auf ein paar wenige Liebhaberalben reduziert. Und ich habe nie eigene Beats produziert. Die Musikindustrie hat ein enormes Repräsentationsproblem. Aktuelle Studien aus den USADeutschland sowie auch der Schweiz zeigen, dass Cis-Männer die Musikbranche selbst heute mit über 80% dominieren. Dabei gäbe es in der Produktion die stärksten Barrieren für FLINTA*-Personen, sagt Elisabeth Furtwängler der MaLisa-Stiftung in einem Interview der Frankfurter Rundschau. Sie würden gerade einmal 2% aller Musikproduzent:innen ausmachen. Das könnte mit ein Grund sein, warum ich als Teenie nie auf die Idee kam, selbst Beats zu produzieren. Auch wenn ich gerne wollte, fehlten mir inspirierende Vorbilder. 

Bis ich vor Kurzem «eXchange» entdeckt habe:  

Mit «eXchange» packen Belia Winnewisser und Jenny Cara genau dieses Missverhältnis an. Sie haben Workshops auf die Beine gestellt, um FLINTA*-Personen beim Einstieg in die Musik- und Clubwelt zu unterstützen. Jenny unterrichtet DJ-ing, Belia die Musikproduktion. Voraussetzung sind ein Laptop und Kopfhörer. Dabei ist es egal, ob musikalisches oder technisches Know-How vorhanden ist, was den Kurs für mich perfekt macht. Mit acht weiteren Personen bin ich nun Teil der Producing-Gruppe und so glücklich darüber, endlich einen Safer Space für Musik unter verständnisvollen und vorurteilsfreien Leuten gefunden zu haben. Ich freue mich wie ein Kind auf Weihnachten auf jeden zweiten Dienstagabend. Dann lernen wir alles über Musikprogramme oder Arrangements. Bis Ende Juni dauert der Kurs noch an. Bis dahin bekommen wir sicher noch viel wertvolles Wissen mit auf den Weg und lernen Gleichgesinnte kennen. 

So kommt es, dass ich mir mit 30 den Traum meines 12-jährigen-Ichs erfülle:  

Jenny und Belia bieten ab Herbst 2023 weitere Workshops an. Weitere Angebote gibt es bei Helvetiarockt.ch oder Ableton-Live-Crash-Kurse bei der School of Sound speziell für FLINTA*-Personen. Wer tiefer in die Materie eingehen möchte, findet beim SAE-Institute Ausbildungen in unterschiedlichen Längen und Intensitäten.  

Dieses Wochenende gibt das m4music Festival ebenfalls mit verschiedenen Konferenzen und Workshops einen Einblick hinter die Kulissen der Musikwelt. Zum Beispiel stehen in der Contact Lounge verschiedene Expert:innen für Fragen zur Verfügung, am Samstag über Mittag gibt es einen Workshop zum Thema Sexismus und Diversität auf Englisch oder du erfährst am Samstagnachmittag, wie du deine eigene Musik am besten releasen kannst. Und wer weiss, vielleicht biete ich ja in einigen Jahren auch einmal Kurse für alle 12-jährigen Mädchen* da draussen an, denen die Vorbilder noch fehlen.  

Dieses Wochenede: m4music Festival

Diverse Konferenzen und Workshops geben dieses Wocheende am m4music einen Einblick hinter die Kulissen der Musikwelt:

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Exil

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Von Laura Tenchio am 23. März 2023 veröffentlicht.

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