Perspektivenwechsel

Die neue Ausstellung im Museum für Gestaltung gibt lehrreiche Inputs zum Thema Reparieren. Das Publikum darf sich aktiv beteiligen.

Design ist politisch. Weil wir Designobjekte aber in erster Linie als Konsumgüter sehen, klingt diese Aussage zunächst etwas fremd. Schauen wir etwas genauer hin und richten wir unseren Blick auf ein Davor und Danach eines Produktes, also auf Entwurf, Herstellung und Entsorgung, ergibt sich ein etwas anderes Bild. Und dieses passt ganz plötzlich nicht mehr in eine apolitische und hedonistische Sichtweise. Das macht schon nur das Nachleben von Gegenständen deutlich: Schweizer*innen entsorgen jährlich 15 Kilogramm Kleider und 23 Kilogramm Elektroschrott pro Jahr und Kopf. In der Elektroschrott-Produktion liegt unser Land weltweit auf Platz drei – immerhin Bronze.

Doch Scherz beiseite. Gerade das Thema Müllproduktion zeigt, dass wir eben dazu neigen, auch Probleme zu entsorgen. Wir werfen kaputte Dinge meistens weg. Viele davon landen dann auf illegalen Müllhalden ausserhalb unseres Landes, meist im globalen Süden. Etwa auf der weltweit grössten Elektroschrott-Müllhalde in Agbogbloshie, einem Stadtteil der Millionenmetropole Accra. Noch nie davon gehört? Dann ist es höchste Zeit für einen Besuch in der Ausstellung «Repair Revolution!».

Dort lernen wir beispielsweise, wo unsere kaputten und scheinbar nicht mehr reparierbaren elektronischen Geräte hinkommen. Ein Film und ein eigens für die Schau entwickelter Pavillon führen uns an diesen weit entfernten Ort im westafrikanischen Ghana. Das ist sehr aufschlussreich, das Beispiel präsentiert quasi die andere Seite unseres konsumorientierten Turbokapitalismus. Paradoxerweise ist diese Müllhalde ein Ort, der eine andere Form der Ökonomie erzeugt. Auf den Schrottbergen von Agbogbloshie suchen täglich Menschen nach wertvollen Werkstoffen, um mit diesen zu handeln. Die Bedingungen dieser Arbeiter*innen zu verbessern, ist das Ziel von «Agbogbloshie Makerspace Platform» (AMP), das vom Büro Low Design Office (LOWDO) in Zusammenarbeit mit der französischen Architektin Yasmin Abbas ins Leben gerufen wurde. Das Projekt verwandelt die toxische Deponie in einen Ort des Wissensaustausches. Es steht zugleich für ein neues Modell mikroökonomischer Ökosysteme, beziehungsweise für ein radikales Umdenken.

Genau dazu möchte die Schau im Museum für Gestaltung Zürich anregen. Dass sie damit auch ein Statement abgibt, indiziert die signalorange Farbe der Wände sowie das Ausrufezeichen hinter dem Titel. Denn angesichts der Klima- und Umweltkrise brauchen wir dringend (!) neue Handlungsmuster und Alternativen. Und diese gibt es bereits, wie «Repair Revolution!» mit vielen positiven Beispielen belegt. Ebenso führt die Ausstellung aber vor Augen, wie die Praxis des Reparierens in unseren Breitengraden an Bedeutung verloren hat. Was früher auch hierzulande gang und gäbe war, findet heutzutage (noch) zu wenig statt. Zum einen, weil uns das dafür notwendige Wissen fehlt, zum anderen weil Produkte gezielt so entworfen werden, dass sie möglichst schnell kaputtgehen. Nicht nur die Konsument:innen sind also Schuld an den aktuellen Missständen, sondern auch Hersteller:innen und Gestalter:innen. Weltweit fordern Aktivist:innen deswegen die gesetzliche Verankerung eines Rechts auf Reparatur, teilweise mit Erfolg. Womit wir wieder beim Thema Politik wären.

Neben der Dringlichkeit des Themas verdeutlicht die gelungene Schau auch, dass Gewohnheiten gesellschaftlicher Natur sind. Wie wir etwas wahrnehmen, ändert sich je nach Kontext und Kultur. In der modernen, westlichen Gesellschaft gilt neu prinzipiell als gut, während man Altem und Geflicktem tendenziell skeptisch gegenübersteht. Das war nicht immer so. Doch nun deutet der Erfolg von Reparierwerkstätten auf einen erneuten Perspektivenwechsel. Und auch zeitgenössische Gestalter:innen greifen vermehrt auf die «Flickästhetik» zurück. Etwa die Keramikerin Ursula Vogel, die mit ihrem Brand «goodlife ceramics» beweist, wie schön auch Beschädigtes sein kann. Zusammen mit ihrer Kundschaft aus der Highend-Kulinarik flickt sie in Workshops das kaputte Geschirr und gibt den Teilen damit ein neues Leben. Besucher:innen erfahren in der Ausstellung zudem, dass in anderen Kulturen Geflicktes sogar einen höheren Stellenwert besitzt als Neuware. In Japan etwa gelten Objekte, die mit der Kintsugi-Technik repariert werden, als besonders wertvoll.

Ergänzend zu den vielen Exponaten gibt es auch Hörstationen, in denen Geschichten rund ums Reparieren erzählt werden. Es sind exakt solche Geschichten, die den Grundstein für Veränderungsprozesse legen. Diese müssen auf ganz vielen Ebenen stattfinden, gefragt sind also die Taten und Ideen aller Menschen, inklusive der Besucher:innen. Podien, Ausstellungen und Workshops tragen zur Verbreitung der frohen Botschaft bei. Horrorszenarien gibt es schon zur Genüge, Formate wie «Repair Revolution!» tragen zu einer positiven Bewertung der Weisheit des Reparierens bei.

Repair Revolution!

Museum für Gestaltung Zürich

Repair Revolution!

Die Ausstellung präsentiert die Vision einer Reparaturgesellschaft und untersucht, welche Rolle das Design auf dem Weg dahin spielt.

Dauerausstellung

Von Susanna Koeberle am 13. April 2023 veröffentlicht.

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